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Zentrale Befunde der wissenschaftlichen Begleitung 2009/2010

Durchgeführt vom: Zentrum für Sozial- und Bildungsforschung der Uni Halle-Wittenberg (Dr. Jürgen Budde, Stefanie Krüger) und Dissens e.V., Berlin (Olaf Stuve, Katharina Debus)

Übersicht:

 

Forschungsdesign

  • Hinderliche und förderliche Bedingungen von Jungenangeboten zu Zukunftskompetenzen im Rahmen von Neue Wege für Jungs?
  • Quantitativ: Telefoninterviews mit Schulleiterinnen und Schulleitern in 4 Regionen
  • Qualitativ: Teilnehmende Beobachtung in 6 Jungenangeboten (davon 5 parallel zum Girls‘Day), 14 Gruppendiskussionen mit 48 Jungen, die an Angeboten teilgenommen haben und 5 nicht teilnehmenden Jungen sowie 17 Interviews mit Expertinnen und Experten (beteiligte Lehrkräfte, Jungenarbeiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und regionalen Experten)

Selbstbeschreibungen von Jungen – ausgewählte Ergebnisse

Die befragten Jungen haben ein breites Interesse an der Erprobung sozialer Tätigkeiten und Vielfalt bzgl. beruflicher Perspektiven geäußert:

»Ich find’, Kindergärtner als Zivi ist schon gut, aber Kindergärtner als Job, das find’ ich nicht so gut. Ich finde, das passt nicht so richtig. Das sind so viele Kinder und ich glaub’, die Frauen machen das besser als die Männer. Ich hab’ noch nie mitgekriegt, wie ein Kindergärtner mit Kindern umgeht.«

»Ja, ich weiß nicht, Erzieher ist auch was für mich. Ich will im Krankenhaus oder im Kindergarten, mir ist es egal, Hauptsache soziale Arbeit.«

(aus einer Gruppendiskussion mit 15-jährigen Realschülern)

Jungenbilder von Pädagoginnen und Pädagogen – ausgewählte Ergebnisse

Bei den befragten Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ist die Überraschung über Motivation und Engagement der Jungen bei den Angeboten, die reale Erfahrungen oder ernsthafte Auseinandersetzungen ermöglichen, weit verbreitet. Sie haben es den Schülern nicht zugetraut.

*Jungen machen zu wenig Erfahrungen in manchen Bereichen*

Pädagoginnen und Pädagogen äußern, dass Jungen nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass Tätigkeiten im sozialen Bereich etwas für sie sein könnten, weil der "ja eher weiblich konnotiert ist."

"Und dadurch, dass sie regelmäßig in soziale Einrichtungen gehen wachsen auch ihre sozialen Kompetenzen."

"Als ich selber in dem Alter war hatte ich auch überhaupt gar keine Ahnung von den Dingen (Bügeln, Essenspläne machen, Geschenke packen ...) und als ich dann ausgezogen bin, bin ich da wirklich ins kalte Wasser gesprungen – und so kalt muss das Wasser ja nicht sein. "

"...den Schülern, also speziell den männlichen Schülern, eine Welt zu offerieren, die sie teilweise nicht kennen."

(Experteninterview mit einem Realschullehrer, der einen Haushaltsparcours für Jungen parallel zum Girls’Day an seiner Schule organisiert hatte).

*Jungen fehlt es an Reife*

"Mit den Jungen der 9. Klasse kann man zum großen Teil Schnupperpraktika in Frauenberufen nicht machen, da gibt es zu viele Widerstände, die sind noch nicht so weit. Es wurde allen angeboten und vier machen das gerade, weil sie’s gerne wollen, aber da gehört Mut zu, die werden als schwul und so bezeichnet."

(Experten-Interview mit einem Gymnasiallehrer, der einen Themenparcours zum Thema ›Zukunft‹ für Jungen parallel zum Girls’Day an seiner Schule organisiert hatte).

Reaktionen der Pädagoginnen und Pädaogen:

  • Das beobachtete Desinteresse der Jungen wird hingenommen.
  • Die eigenen Vermittlungsstrategien werden nicht hinterfragt.
  • Pädagoginnen und Pädagogen reflektieren selten, welche äußeren Faktoren Einfluss auf das Verhalten von Jungen haben könnte, z. B. der Peergruppendruck

*Jungen fehlt es an vielfältigen Vorbildern*

"Wenn ich mich jetzt entscheide hart zu sein, dann heißt es, du bist nicht weich genug, entscheide ich mich empathisch zu sein, für Kinder zu sein, dann ist man ein Softie und Weichei.“

(Experten-Interview mit einem Jungenpädagogen, der die Vor- und Nachbereitung eintägiger Schnupperpraktika in ›Frauenberufen‹ für Jungen einer Realschule durchgeführt hatte)

Fazit der Befragten:

Die gesellschaftlichen Anforderungen an Jungen/Männer werden immer widersprüchlicher, d.h. für Jungen:

  • sie reagieren mit Traditionalisierung
  • es mangelt ihnen an vielfältigen Männervorbildern, was durch das Angebot der Jungenförderung ausgeglichen werden soll.

 "Also dieser Mann-zu-Mann Kontakt, den halt ich für besonders wichtig."

(Experten-Interview mit einem Jungenpädagogen, der die Vor- und Nachbereitung eintägiger Schnupperpraktika in ›Frauenberufen‹ für Jungen einer Realschule durchgeführt hatte).

Beobachtung: Die Interessen und Erfahrungen der Jungen treten in den Hintergrund und werden nicht in didaktische Konzepte eingebunden, sondern die Person des Pädagogen tritt in den Vordergrund.

Beobachtung:

  • Äußerungen der Jungen in Bezug auf zukünftige Familienkonzeptionen sind mit Ausnahmen eher verengt:
  • Alle befragten Jungen wollen heterosexuell heiraten und Kind(er)
  • Zwei Jungen können sich vorstellen auch eine Zeit lang zur Kinderbetreuung zu Hause zu bleiben, falls es finanziell möglich ist.
  • Nur wenige können sich vorstellen, in Teilzeit zu arbeiten.
  • Mehrere präferieren eine traditionelle Rollenverteilung, ohne dabei gleichstellungsfeindlich sein zu wollen.
  • Je näher an der aktuellen Lebenswirklichkeit, desto weniger äußern die Jungen traditionelle Vorstellungen. Desto abstrakter und weiter weg Zukunft gedacht wird, desto größer wird die Traditionalisierungs-Tendenz.

»Ich bin mal ganz ehrlich, ich würd’ meinen Job für den Job meiner Frau jetzt nicht aufgeben. Ich würd’ sie wirklich eher drum bitten, dass sie ein bisschen mehr Zeit für zu Hause für die Kinder hat. Weil, ich mein’, so die ganze Hauswirtschaft, Arbeit kann man auch zusammenbringen, das ist kein Problem, nur das mit den Kindern halt.«

»Wie auch immer. Wenn sie mit dem Job zufrieden ist, hätt’ ich kein Problem damit, zu Hause zu sein.«

(Aus einer Gruppendiskussion mit 17- und 18-jährigen Gymnasiasten, die als Stationenleiter an einem Themenparcours zum Thema ›Zukunft‹ teilgenommen hatten)

Stereotype Rollenbilder als Unterschichts- bzw. Migrantenphänomen

"Nee, weil ich denk auch nicht, dass von meinen Kindern Mädchen einen typischen Jungenberuf ergreifen würden oder Jungs einen typischen Mädchenberuf. Nie im Leben! Bin ich mir absolut sicher! Obwohl die Kinder das toll finden in diesen Kindertagesstätten … Ein Junge hatte letztes Jahr, das ist ein Brasilianer, der fand das so toll, der hat sich so wohl gefühlt und die Erzieher haben alle gesagt, mein Gott kann der das gut. Wird der nie machen, dass der in so ‘nen Beruf geht."

(Experten-Interview mit einer Lehrerin einer Deutsch-Förderklasse, die für die Jungen ihrer Klasse zum Girls'Day wegen mangelnder Deutsch-Kenntnisse anstatt eines Sozialpraktikums einen gemeinsames Besuch in einer Blinden-Werkstatt organisiert hat).

Beobachtung:

  • Die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an den Angeboten wird eher mit Ziel der gesellschaftlichen Partizipation verknüpft.
  • Es findet eine Nicht-Wahrnehmung (auch selbst beobachteter) „untypischer“ Interessen der eigenen Schülerinnen und Schüler statt.
  • Die Befragte unterstellt „festgebackene“ Rollenklischees als Phänomene von Bildungsferne, Unterschicht oder Migrationshintergrund.

„Spaß haben“ als vermeintliche didaktische „Strategie“

Der Annahme folgend, Jungen hätten an einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Thema kein Interesse, wird vielfach „Spaß haben“ als „Überlistungs“-strategie entgegengesetzt, um die Schüler für diese Themen zu motivieren.

Beobachtung:

  • Es gab häufige Situationen, in denen die Jungen den Spaß der Pädagoginnen und Pädagogen nicht so spaßig fanden wie die Erwachsenen selbst und mit Unverständnis reagierten.
  • Ernsthafte Auseinandersetzung um wichtige persönliche Themen wird damit eher verhindert als gefördert.
  • Die gewählten Strategien der Pädagoginnen und Pädagogen stärken eher traditionelle Männlichkeitsmuster und bereiten denjenigen Jungen Probleme, die diesen nicht entsprechen.

Gelingensbedingungen von Angeboten für Jungen

  • Statt der fernen Zukunft eher die Gegenwart thematisieren.
  • Konkrete Erfahrungen zu machen (Kitapraktikum) ist intensiver im Erleben als Reden.
  • Die Dramatisierung von Geschlecht birgt eine hohe Gefahr der Stereotypisierung bzw. des Unverständnisses und braucht deshalb ein gutes Konzept und gendersensibles Auftreten und Agieren.
  • Die freiwillige Teilnahme stärkt die Eigenmotivation, die Verpflichtung zur „Erfahrung von Neuem“ kann entlastend wirken gegenüber Peergruppendruck.
  • In der Vermittlung & Benennung von Fakten muss auf Bezeichnungen geachtet werden (z. B. nicht von „Frauenberufen“ sprechen etc.)
  • Jungenangebote müssen altersgemäß und schulformangepasst konzipiert werden.
  • Praktika und Berufserkundungen müssen vorbereitet, gut betreut und nachbereitet werden.

Fazit: Müssen Jungen überlistet werden, um sich mit Zukunft zu beschäftigen?

  • Jungen haben großes Interesse an praktischen Erfahrungen – auch im sozialen Bereich.
  • Dort, wo zunächst kein Interesse bestand, zeigten sich Vermittlungsprobleme.
  • Die praktischen Erfahrungen werden auch aber nicht nur als Orientierungshilfe für Zukunftsfragen geschätzt.
  • Bzgl. der verbalen Auseinandersetzung mit Zukunftsplänen ist das Interesse geteilt zwischen hochinteressiert, Desinteresse und Abwehr.
  • Die beobachteten „Überlistungstaktiken“ (Spaßfaktor) führen eher an den Interessen der Jungen vorbei. Hier geht wertvolle Zeit verloren, die die Jungen sich für ernsthafte Auseinandersetzungen wünschen.
  • Der Einsatz des Filmes „Eigentlich wollte ich Fußballprofi werden“ fand ein positives Echo ähnlich wie die Begegnung mit realen Männern und deren (Berufs-)Wirklichkeiten

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