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10 Jahre geschlechtersensible Unterstützung von Jungen – ein Rückblick

Es ist heute nahezu selbstverständlich, dass es neben geschlechtssensiblen Angeboten für Mädchen auch solche für Jungen gibt. Beim Start von Neue Wege für Jungs vor zehn Jahren war dies noch anders und nicht selten wurden speziell auf Jungen ausgerichtete Maßnahmen als unnötig betrachtet.

Zwar gab es vereinzelt seit Mitte der 1980er Jahre schon jungenpädagogische Ansätze und auch in den ersten Veröffentlichungen zur Mädchenarbeit wurde schon auf die Notwendigkeit einer ergänzenden Jungenarbeit hingewiesen. Jedoch blieb deren Verbreitungsgrad zunächst recht überschaubar.

Die Vernetzung der wenigen Akteure kam bis auf einige Ausnahmen – wie die 'LAG Jungenarbeit NRW' – kaum über regionale Bezüge hinaus. Einen ersten Aufschwung erhielt das Thema durch die Pisa-Erhebung 2000, die Jungen gegenüber Mädchen schlechtere Schulleistungen attestierte. Auch wenn die öffentliche Debatte häufig eine differenzierte Sichtweise auf die schulische Situation von Jungen vermissen ließ *, bekamen Jungen und ihre Lebenslagen dadurch erhöhte Aufmerksamkeit. Zusätzlichen Aufwind erhielt das Thema durch eine veränderte Gleichstellungsstrategie der Bundesregierung, deren Maßnahmen zunehmend auch auf Jungen und Männer ausgerichtet wurden.

Drei Säulen von Neue Wege für Jungs

Vor diesem Hintergrund und angeregt durch den schon seit 2001 erfolgreich durchgeführten Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag, wurde 2005 Neue Wege für Jungs gestartet. Es ist das erste aus Bundesmitteln geförderte Projekt, das Jungen bei der Berufs- und Lebensplanung unterstützt. Anders als der Girls’Day richtet sich Neue Wege für Jungs nicht direkt an die Zielgruppe Jungen, sondern in erster Linie an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Darüber hinaus ist das Projekt nicht auf einen Tag im Jahr fixiert und umfasst neben der  Erweiterung des Berufswahlspektrums noch die beiden anderen tragenden Säulen Vervielfältigung von Männlichkeitsmustern, -bildern und –praxen und die  Vertiefung sozialer Kompetenzen.

Fachportal und Netzwerk

Die Aktivitäten des Projekts umfassen seit Beginn vor zehn Jahren zahlreiche Ansätze, um die Verbreitung von Jungenangeboten voranzutreiben und die Öffentlichkeit stärker auf das Thema aufmerksam zu machen: Neben dem Aufbau eines Fachportals und eines bundesweiten Netzwerks, wurden mehrtägige Netzwerktreffen, große Fachtagungen und -konferenzen sowie mehrere Wettbewerbe abgehalten. Filme wurden gedreht, informations- und didaktische Materialien entwickelt, wissenschaftliche Begleitungen geschaltet, um nur einige Beispiele zu nennen. Der innovative Ansatz des Projektes erhielt 2007 die Auszeichnung als 'Ort im Land der Ideen'.

Der Boys'Day – Jungen-Zukunftstag

Parallel zum Girls'Day wurde schließlich am 14. April 2011 erstmalig ein Boys’Day – Jungen-Zukunftstag mit bundesweiter Unterstützung durchgeführt. Organisatorisch und inhaltlich ist er an Neue Wege für Jungs und damit auch an die drei tragenden Säulen angelehnt, zeitlich orientiert er sich allerdings am bundesweiten Aktionstag der Mädchen. Jungen haben am Boys’Day die Möglichkeit, neben einem Tagespraktikum auch an Seminar- und Workshop-Angeboten zu den drei Themenfeldern teilzunehmen. Bis heute haben offiziell am Boys’Day etwa 164.000 Jungen an knapp 25.000 Veranstaltungen teilgenommen. Die Vermittlung der Plätze erfolgt über das Boys’Day-Radar, in dem Tagespraktika und Workshops zum Boys‘Day online eingestellt werden und Jungen gezielt nach passenden Angeboten suchen können. Der deutliche Schwerpunkt der Veranstaltungen liegt bei der Erkundung von Berufen mit einem geringen Männeranteil, besonders im Pflege- und Erziehungsbereich. Deshalb wurde die Boys’Day Website um die Microsites www.zukunftsberuf-erzieher.de und www.zukunftsberuf-pfleger.de erweitert, die zu diesen Berufsfeldern tiefergehende Informationen bereithalten.

Mit Neue Wege für Jungs und dem Boys’Day – Jungen-Zukunftstag ist es gelungen, die geschlechtssensible Unterstützung von Jungen bei der Berufs- und Lebensplanung qualitativ und quantitativ zu verbessern und auszubauen. Der Boys’Day wird von einem großen öffentlichen Interesse mitgetragen. Mittlerweile ist der Aktionstag nicht nur für die Bundesrepublik von Bedeutung, sondern wird auch im europäischen Ausland mit großem Interesse verfolgt und zum Teil mit eigenen Schwerpunktsetzungen durchgeführt. So gibt es einen Boys’Day auch in Luxemburg und Österreich; in der Schweiz einen Nationalen Zukunftstag.

 

*Bei genauerer Betrachtung der Datenlage wurde deutlich, dass Jungen nicht schlechter, sondern Mädchen besser in der Schule geworden sind und Jungen zudem eine viel heterogenere Leistungsgruppe darstellen als Mädchen (neben ihrer Überrepräsentanz bei den 'Risikoschülern' sind sie auch bei den 'Hochbegabten' stärker vertreten).